Ein Leben als Antwort auf Gottes Barmherzigkeit
Römer 12,1-2

Paulus stellt seine Aufforderung im zwölften Kapitel des Römerbriefs nicht an den Anfang, sondern an den Wendepunkt seines Schreibens. Elf Kapitel lang hat er die unergründliche Tiefe der Barmherzigkeit Gottes entfaltet. Erst auf diesem Fundament folgt der Aufruf zur Hingabe. Es geht Paulus dabei überraschenderweise nicht um eine gefühlsbetonte geistliche Erfahrung, sondern um unseren Leib. Damit meint er den konkreten Alltag, unsere physische Präsenz, unsere Zeit, unser Geld, unsere Energie und unsere ganz reale Arbeitskraft. Für Menschen im Familienalltag, im Beruf oder in der Nachbarschaft gewinnt diese Aufforderung eine sehr praktische Schärfe. Wir laufen dauerhaft Gefahr, Gott zwar mit unseren Lippen und Worten zu dienen, unseren Alltag aber nach den ungeschriebenen Gesetzen dieser Welt zu strukturieren. Das Anpassen an den Lauf dieser Welt geschieht selten durch spektakuläre Abfälle vom Glauben. Es geschieht leise, durch das unhinterfragte Übernehmen weltlicher Maßstäbe: ständiger Termindruck, Sorge um materielle Dinge, die Angst vor dem Kontrollverlust im Familienleben oder die Erwartung, immer perfekt sein zu müssen.
Wenn Paulus vom lebendigen Opfer spricht, nutzt er ein Paradoxon. Ein alttestamentliches Opfer war tot. Ein lebendiges Opfer gibt sich hin, bleibt aber handlungsfähig und muss sich deshalb jeden Morgen neu zur Verfügung stellen. Es ist die tägliche Entscheidung, die eigenen Kapazitäten nicht zuerst dem eigenen Erfolg oder dem reinen Funktionieren zu verschreiben, sondern Gott ganz konkret hinzuhalten. Die Erneuerung des Sinnes ist dabei kein einmaliges Ereignis, sondern ein fortlaufender Prozess des Umlernens. Es bedeutet, dass wir lernen, unseren Alltag und unsere Beziehungen mit den Augen Gottes zu bewerten, statt mit dem Blickwinkel reiner Zweckmäßigkeit.
Das betrifft die Art, wie wir mit unseren Kindern umgehen, wie wir unsere Finanzen verwalten und wie wir mit unseren eigenen körperlichen und emotionalen Grenzen umgehen. Die ehrliche Selbstprüfung für den heutigen Tag lautet: An welchen Stellen in meinem Terminplan, im Haushalt oder bei meinen anstehenden Entscheidungen habe ich mich bereits von der Logik der Überforderung und des bloßen Pragmatismus anstecken lassen? Wo handle ich aus Sorge um mein Ansehen in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis statt aus der Freiheit der Gnade? Ein konkreter Schritt für heute kann sein, vor dem nächsten schwierigen Gespräch mit dem Partner, der Familie oder vor einer wichtigen Aufgabe bewusst innezuhalten. Legen Sie für diesen Moment den Zwang ab, das Ergebnis eigenhändig garantieren zu müssen, und stellen Sie Gott Ihren Verstand, Ihre Worte und Ihre Zeit ganz bewusst für diese eine Situation zur Verfügung.
Beten wir. Herr, du hast uns deine Barmherzigkeit erwiesen. Wir bringen dir heute unseren vollen Alltag, unsere Verantwortung und unseren Leib. Übernimm die Regie in unserem Denken. Bewahre uns davor, uns den Maßstäben dieser Zeit anzupassen, und erneuere unseren Sinn, damit wir im Handeln deinen guten, wohlgefälligen und vollkommenen Willen erkennen. Amen.
Redaktioneller Beitrag aus dem Jeschua.TV-Empfehlungsnetzwerk.
